Zeit haben, zuhören können, Liebe schenken

Es ist bereits eine Tradition in Frankfurt: Vierteljährlich schreibt die Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld frischgebackenen Eltern in der Stadt einen Brief. Darin beglückwünscht sie diese zum neuen Kind und informiert darüber, welche Anlaufstellen und offenen Treffs im jeweiligen Stadtteil sich um die Belange von Familien kümmern. Außerdem enthält der Brief das Angebot, dass eine Begrüßungspatin aus dem Familiennetzwerk im Stadtteil zu einem Besuch vorbeikommen kann. Diese aufsuchenden Familiennetzwerke wurden 2010 vom Zentrum Familie im Haus der Volksarbeit und dem Kinderschutzbund Frankfurt konzipiert und sind derzeit in 13 Stadtteilen angesiedelt.

„Die Familienbildungsstätten sind mit ihren Familiennetzwerken mobil in den Stadtteilen aufgestellt“, erläutert Barbara Conrad-Langner, die Leiterin des Nachbarschaftszentrums (NBZ) Ostend, das Konzept dieses besonderen Angebots. „Die Ehrenamtlichen – fast immer Mütter – gehen auf die jungen Familien zu, wenn diese sich aufgrund des Briefes der Sozialdezernentin beim Familiennetzwerk gemeldet haben. Dann nimmt das Ganze Fahrt auf.“ Die Begrüßungspatinnen heißen die Neuen willkommen, hören zu, geben Tipps und begleiten sie, wenn gewünscht, auch zu den offenen Treffs. Die Eltern bringen hierher all die Themen mit, die sie beschäftigen, und beginnen, ihr eigenes Netzwerk zu knüpfen.

In den Familiennetzwerken gibt es aber nicht nur den Austausch unter Müttern und Vätern, sie können auch auf die Expertise von Fachkräften zugreifen. Die Themen, die dabei zur Sprache kommen, kreisen oft um die Veränderungen, die die Geburt eines ersten, zweiten oder dritten Kindes mit sich bringen, oder um den Wiedereinstieg in den Beruf. „Wir hören zu und reagieren auf das, was kommt: etwa, wenn eine Mutter von ihrem schlechten Gewissen spricht, weil sie ihr 13-monatiges Kind in die Krippe gibt.“

Zeit haben
„Zeit für das Kind ist oft ein Thema“, erklärt Conrad-Langner, „besonders beim zweiten oder dritten Baby. Wie werde ich dem Kind zeitlich gerecht? Und was tun, wenn das weitere Kind nur noch nebenherläuft? Unsere Botschaft ist dann: Es kommt nicht auf die Stundenzahl an, die Sie mit dem Kind verbringen, sondern darauf, die gemeinsame Zeit mit dem Kind gut zu nutzen.“ Wenn eine Mutter oder ein Vater das Kind morgens um 8 Uhr in die Kita bringe und um 17 Uhr abhole, gehe es eben darum, die Zeit bis zum Zubettgehen gut zu nutzen. „Rituale sind sehr gut – für beide Seiten: Dem Kind hilft es, eine Struktur zu finden, den Eltern hilft es, nicht jeden Abend etwas Neues erfinden zu müssen.“

Zuhören können
Wenn der Gedanke, dass die Erzieherinnen mehr Zeit mit dem Kind verbringen als sie selbst, die Väter und Mütter traurig stimme und ihnen ein schlechtes Gewissen mache, dann sei es hilfreich, die Übergabe beim Hinbringen und Abholen gut zu gestalten: Was hat das Kind den Tag über in der Kita erlebt? War es traurig? Gab es Konflikte? Hat es sich weh getan? Und auch die Erzieherinnen müssten wissen, ob das Kind am Abend zuvor einen Konflikt hatte oder ob es in der Nacht schlecht geschlafen hat. Vor allem sei es dann aber wichtig, die Zeit nach der Kita gut zu nutzen: etwa zusammen zum Spielplatz zu gehen oder sich beim gemeinsamen Abendessen Zeit zum Zuhören zu nehmen – Zeit, um Fragen zu stellen und sich die Sorgen und Nöte schildern zu lassen, die erst dann zur Sprache kommen können, wenn die Kinder sich sicher fühlen, dass Mama oder Papa nicht nur mit halbem Ohr zuhören. „Das ist natürlich idealtypisch gesprochen, aber es ist hilfreich für die Familien, sich das im Austausch mit anderen Eltern oder im Gespräch mit Fachkräften bewusst zu machen.“

Liebe schenken
„Manchmal“, berichtet die Leiterin des NBZ Ostend weiter, „wenn auch selten, gibt es auch den Fall, dass ein Elternteil bekennt, das eigene Kind nicht lieben zu können.“ Der Appell der Fachleute ist hier ganz deutlich: „Outen Sie sich! Fassen Sie sich ein Herz, nehmen Sie allen Mut zusammen und holen Sie sich Hilfe. Es gibt ja Gründe für dieses Gefühl.“ Oft stecke dahinter eine tiefe Verzweiflung, zum Beispiel bei Gewalt in der Partnerschaft, oder eine traumatische Geburt oder noch andere Gründe. In Frankfurt gibt es auch für diese seltenen Fälle die richtigen Anlaufstellen – etwa Gesprächskreise im Frauengesundheitszentrum nach traumatischen Geburten oder den Bamberger Hof mit seiner psychiatrischen Tagesklinik für Mutter und Kind.

Das Thema „Liebe schenken“ treibt aber auch junge Eltern ohne traumatischen Erfahrungen um. Das Thema klingt selbstverständlich, hat im Alltag aber seine Tücken, wie die Sozialpädagogin Conrad-Langner aus ihren Gesprächen mit Müttern und Vätern weiß. Verunsicherte Eltern beruhigt sie dann: „Liebe zu schenken heißt nicht automatisch körperliche Nähe. Vielmehr geht es darum, adäquat und zeitnah auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren: Es zu trösten, wenn es traurig ist, damit es wieder auftanken kann, und es vom Schoß zu lassen und freizugeben, wenn es seinem Bewegungs- und Explorationsdrang nachgehen will. Loslassen können – das ist mindestens so wichtig, wie körperliche Nähe zu schenken. Aber vor allem geht es darum, das Kind so anzunehmen, wie es ist.“

Zeit haben, zuhören können, Liebe schenken
Foto: Pixabay
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