"Stillen erfährt zu wenig Anerkennung"

Über das Stillen kursieren unter Müttern - und solchen, die es werden wollen - viele unterschiedliche Auffassungen. Hier bietet die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (kurz AFS e.V.) Orientierung und praktische Hilfe. Wir haben die zweite Vorsitzende des eingetragenen Vereins, Elke Bretzigheimer, interviewt, um einigen Vorurteilen auf den Grund zu gehen. 

 

Elke Bretzigheimer (55) aus Offenbach am Main, 2. Vorsitzende des Afs Stillen e.V.

Frau Bretzigheimer, Sie sind 2. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen, kurz Afs-Stillen e.V.,wie kam es dazu?

Ganz einfach, ich hatte selbst Kinder, die ich gestillt habe – und viele Fragen und Unsicherheiten. An manchen Tagen war mein Kind sehr unruhig und ich war nicht sicher, ob es daran liegen könnte, dass meine Milchmenge nicht ausreicht. So habe ich mich 1991 hilfesuchend an die Stillgruppe gewendet – und da ich ein Vereinsmensch bin, bin ich dort geblieben und habe begonnen aktiv mitzuarbeiten.

Wie hat man Ihnen damals Ihre Sorgen genommen?

Ich habe in der Gruppe gelernt, dass der Körper sich sehr gut auf die Bedürfnisse des Kindes einstellt. Das heißt, dass sich die Milchmenge von selbst reguliert. Es ist also kein Problem, das Kind auch mal häufiger anzulegen, auch wenn das im Extremfall bedeutet, dass man jede halbe Stunde die Brust gibt.

Wie kann man sich ein Treffen in einer Stillgruppe vorstellen?

Wir sind ein sehr gemischter Haufen und tauschen uns regelmäßig über unsere Erfahrungen aus. So muss keine Mama mit ihren Fragen alleine bleiben und bekommt die medizinisch richtigen Informationen – gerade zum Thema Stillen existieren ja schon viele Ammenmärchen.

Also ist die Aufklärung über den richtigen Umgang mit dem Stillen das Hauptanliegen des Vereins?

Das ist auf alle Fälle sehr wichtig für uns. Generell erfährt das Stillen meiner Meinung nach viel zu wenig Anerkennung seitens der Gesellschaft. Vielmals wird die Funktion des Stillens abgetan, bis hin zu negativen Erfahrungen, die uns oft berichtet werden: Das Mütter zum Stillen auf die Restauranttoilette verwiesen werden, ist dabei noch das harmloseste! Ich persönlich habe zum Glück keine negativen Dinge in diesem Zusammenhang erlebt – im Gegenteil. Als wir früher zum Wandern in den Bergen waren, haben es die Mitwanderer sogar richtig positiv aufgenommen: „Das Baby muss auch Brotzeit machen“, haben sie dazu gesagt. So etwas freut einen dann schon. 

Welche Nachteile können Ihrer Meinung nach daraus resultieren, wenn eine Mutter nicht stillt?

Jedes Mal wenn eine Frau ihr Baby stillt, werden Hormone freigesetzt, die die Bindung zwischen Kind und Mutter intensivieren: Es ist immer Hautkontakt vorhanden – dadurch entsteht eine andere Qualität der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Studien zufolge hat das Stillen auch einen Vorteil für die Gesundheit von Mutter und Kind. So erholen sich Kinder, die gestillt werden, schneller von Krankheiten, als Kinder, die nicht gestillt werden. Und das ist nur ein Beispiel.

Nun können ja aus medizinischen Gründen manche Mütter gar nicht stillen …

Der Anteil der Frauen, denen aus medizinischen Gründen vom Stillen abgeraten wird, ist geringer als viele annehmen, davon sind circa fünf Prozent aller Mütter betroffen. Der viel häufigere Fall ist, dass Mütter schon nach drei, vier Monaten wieder aufhören ihr Baby zu stillen – oft weil ihnen einfach die Infos dazu fehlen. Das ist bei rund einem Drittel aller Säuglinge so.  

Wie lange sollten Kinder gestillt werden?

Wie lange eine Mutter stillt, sollte ganz und gar ihre – und die Entscheidung des Kindes sein. Das ist meine Meinung. Entgegen vieler Falschinformationen gibt es hier keine Höchstgrenze. Aus diesem Grund setzen wir uns auch als Verein dafür ein, politische Entscheidungen, wie Pläne zur Änderung des Mutterschaftsgesetzes in diesem Punkt zu hinterfragen. Stillende Mütter nur bis zu einem Jahr zu unterstützen, halten wir für falsch.

Gerade vor der Geburt des ersten Kindes ist das Stillen – oder eben nicht – ein großes Thema. Was raten Sie werdenden Müttern?

Zunächst einmal ist es toll, wenn sich Mütter schon vorher wirklich mit dem Thema auseinandersetzen. Ich rate den Müttern, sich mit der Literatur über das Stillen zu beschäftigen. Es ist auch sinnvoll, den behandelnden Frauenarzt zu Rate zu ziehen, denn fürs Stillen spielt zum Beispiel die Beschaffenheit der Brustwarze eine Rolle. Natürlich empfehle ich auch, ein Gruppentreffen in einer Stillgruppe zu besuchen: Hier bekommen werdende Mütter Infos aus erster Hand und können sich gut auf den Alltag mit dem Kind vorbereiten.

Die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen betreibt ja auch eine bundesweite Beratungs-Hotline. Wie und wann kann ich die Hotline erreichen – und mit welchen Sorgen und Fragen wenden sich die Frauen an den Verein?

Unsere Hotline 0228 92959999 ist bundesweit zum Ortstarif erreichbar und täglich besetzt. Die Telefondienste haben wir unter uns Vereinsmitgliedern aufgeteilt. Wichtig zu wissen ist, dass die Frauen hier wirklich geschulte, zertifizierte Stillberaterinnen an der Strippe haben, keine Laien. Auch ich mache regelmäßig Dienst. Dann erhalte ich zwischen fünf und zehn Anrufe pro Tag. Die häufigsten Fragen der Frauen drehen sich, wie bei mir damals, um die Frage ob die Milch zur Versorgung des Kindes ausreichend ist, um Stillstreiks der Kinder – und oftmals auch darum, wie das mit dem Abstillen funktioniert.

Wie finden Ihre Kinder Ihr Engagement für die Stillgruppe?

Meine beiden Söhne sind ja mittlerweile schon erwachsen und empfinden das inzwischen als ganz normal. Früher, gerade in der Pubertät, war das schon oft ein heikles Thema. Da kamen dann schon öfter Wünsche wie „Mama, wenn Du heute Stilldienst am Telefon machst, dann gehen wir lieber nicht zusammen einkaufen.“ – denn klar, es kann auch jemand anrufen, während man gerade an der Supermarktkasse steht.

Über die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS)

Die AFS ist eine gemeinnützige Organisation zur Förderung des Stillens. Sie will das Stillen als wesentlichen Bestandteil des menschlichen Lebens bewusst machen. Jede Frau, die stillen will, soll selbstverständlich stillen können. Mitglieder der AFS sind Eltern, medizinisches Fachpersonal und allgemein an der Stillförderung interessierte Personen sowie institutionelle Fördermitglieder. Grundlage der Arbeit ist die Selbsthilfe mit ehrenamtlicher Mutter-zu-Mutter-Beratung bei offenen Stilltreffen und bei telefonischer Beratung vor Ort sowie über eine bundesweite Hotline. Die dort tätigen AFS-Stillberaterinnen sind Mütter mit eigener Stillerfahrung und einer qualifizierten Aus- und Weiterbildung, die die AFS für ihre Mitglieder entwickelt hat. Die AFS ist ein ehrenamtlich arbeitender, gemeinnütziger Verein zur Förderung des Stillens.

 

 

 

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